| 16.
Das geschulte Auge Der italienische Renaissancemaler Piero della Francesca (1412-1492) schuf Fresken, die heute noch eine tiefe Frömmigkeit ausstrahlen, gleichzeitig aber sehr geheimnisvoll wirken. Die Figuren stehen da in völliger, sich selbst genügender Isolation, als hüteten sie ein Geheimnis, das wir nicht mehr ergründen können. Piero selbst ist gar nicht geheimnisvoll: Er lernte von einigen der besten Maler seiner Zeit, arbeitete mit Kollegen zusammen und bildete selbst gute Maler aus. Und er war Amtmann in seiner Stadt, Borgo SanSepolchro nahe Arezzo. Außerdem war er ein erfahrener Mathematiker und schrieb über Festkörpergeometrie, den Abakus und viele andere Themen. Was jedoch an seinem Werk am meisten beeindruckt, ist das Gefühl, dass hier ein noch unerforschter Code versteckt ist, etwas, das nur ein geschultes Auge erkennen kann. Welcher Experte wäre wohl am besten geeignet, Pieros Geheimnis zu lüften?
1. |
Ein Theologe |
2. |
Ein Kaufmann |
3. |
Ein Historiker |
Autor: Michael Kaplan
>> zur Lösung
Richtige Antwort: ein Kaufmann Pieros Interesse an der Festkörpergeometrie beschränkte sich nicht auf die Theorie. Seine Bücher sollten Kaufleute auch darin trainieren, die Länge von Stoffballen oder das Volumen von Fässern, Bündeln und Stapeln von Ware nur vom Anschauen her genau abzuschätzen. Zu seiner Zeit, lange vor standardisierten Packungsgrößen, mussten Kaufleute sehr genau schätzen können, damit man sie nicht übervorteilte. Der Kunsthistoriker Michael Baxandall hat nachgewiesen, dass viele von Pieros Werken, wie etwa die monumentale “Madonna del Parto” in Monterchi, in harmonischen Proportionen des Volumens gemalt sind. Diese Proportionen entsprechen nicht unbedingt der wirklichen menschlichen Figur, aber sie sind für das geschulte Auge ganz offensichtlich. Ein Kaufmann, der während einer endlosen Predigt ein solches Bild ansehen konnte, empfand diese exakten Proportionen sicher als sehr befriedigend. |
|